Die neue Allegris Business Class von Lufthansa hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seit der Einführung beobachte ich das Bordprodukt und die Reaktionen darauf sehr genau, und es haben sich für mich ein paar Kritikpunkte und Fragen ergeben. 15 Monate nach der Einführung der Allegris Business Class und meinem ersten Allegris-Flug bin ich diesen Kritikpunkten und Fragen nachgegangen.
Allegris-Einführung im Verlauf
Nach einigen Verzögerungen führte Lufthansa ihre neue Allegris Business Class am 2. Mai 2024 ein. Ich hatte die Gelegenheit, bei einem Presse-Event am 25. April 2024 einen Blick in die Kabine zu werfen und mich mit Lufthanseaten darüber auszutauschen. Wenige Tage später, am 3. Mai 2024, war ich an Bord des dritten Allegris-Flugs überhaupt und testete dabei das neue Bordprodukt im regulären Flugbetrieb. In meinem Review kam ich zu dem Ergebnis, dass Lufthansa mit der neuen Business Class einen großen Schritt nach vorne gemacht hat und (endlich) die Lücke zur Konkurrenz schließen konnte. In der Einführungsphase konnte ich mir kostenfrei den Privacy Seat reservieren und war mit dem Sitz sehr zufrieden.

Im Dezember 2024 führte Lufthansa dann Reservierungsgebühren für die verschiedenen Allegris-Sitztypen ein. Die Business Class Suite, der Business Class Privacy Seat, der Business Class Extra Space Seat und der Business Class Extra Long Bed Seat sind nur gegen eine Gebühr (unabhängig vom gebuchten Tarif) vorab reservierbar. Ausnahmen gelten für Senatoren und HON Circle Member. Einzig der Business Class Classic Seat ist für alle Passagiere der Business Class vorab kostenfrei reservierbar.
Meine Kritikpunkte an der Allegris Business Class
Dies führt mich auch zu den Kritikpunkten, die ich an der Allegris Business Class und ihrer Vermarktung durch Lufthansa habe.
- Ich halte die Allegris Business Class mit fünf verschiedenen Sitztypen, die verschiedene Besonderheiten aufweisen, für zu kompliziert. Nicht jeder Passagier setzt sich vor dem Flug mit der Kabine intensiv auseinander, erwartet aber eine gewisse Grundstruktur der Sitzkonfiguration.
- Dass man einen Aufpreis für ein besonders hochwertiges Produkt, wie zum Beispiel die Business Suite in der ersten Reihe zahlt, hat sich etabliert und ist nachvollziehbar. Wenn ich aber nicht direkt am Gang sitzen möchte, muss ich einen Aufpreis von mindestens 100 Euro zahlen.
- Da Lufthansa die Vorzüge ihrer kostenpflichtigen Sitztypen so aktiv bewirbt, und die Sitze unterschiedlich benannt sind, kommt es mir so vor, als sei der Classic Seat – hart ausgedrückt – der “Sitz der Verlierer”.
Die Punkte 1 und 3 habe ich schon mehrfach gegenüber Lufthanseaten angesprochen. In meinem Beitrag „Kundenzufriedenheit bei der Allegris Business Class: Lufthansa sieht sich bestätigt“ habe ich Statements von Dr. Björn Becker, Program Lead Lufthansa Longhaul Fleet & Product Transformation, zusammengetragen. Komplett überzeugt hat mich das jedoch nicht.
Zu Punkt 2 gab es am 31. Juli 2025 eine bemerkenswerte Aussage von Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Dieser zeigte sich in einem Pressegespräch sehr zufrieden mit den Zusatzerlösen durch die Sitzplatzreservierungen. „Wir spüren hier bereits ein sehr, sehr gezieltes Buchungsverhalten unserer Gäste, einhergehend mit einer erfreulich hohen Zahlungsbereitschaft für das differenzierte Sitzangebot in der neuen Business Class“, wird Spohr von aeroTELEGRAPH zitiert. Ich gehöre offenbar nicht zu diesen Kunden.

Meine Fragen nach 15 Monaten Allegris Business Class
15 Monate nach meinem ersten Allegris-Flug trat ich Anfang August 2025 erneut eine Reise mit diesem Bordprodukt an. Dieses Mal ohne einen Sitz vorab zu reservieren. Für meinen Flug von München nach Chicago rief Lufthansa folgende Aufschläge auf:
- Business Suite: 500 Euro
- Extra Space Seat: 170 Euro
- Privacy Seat: 140 Euro
- Extra Long Bed: 140 Euro
Ich war nicht bereit, für einen Sitz direkt am Fenster oder mit etwas Abstand zum Gang mindestens 140 Euro zusätzlich zu zahlen. Bei anderen Fluggesellschaften ist ein Sitz direkt am Fenster (Privacy Seat) oder ein sogenannter Thronsitz (Extra Space Seat) kostenfrei auswählbar, wenn man früh dran ist/sein kann oder sich mit dem Sitzplan näher auseinandersetzt. Als Beispiel sind die gestaffelten Sitzkonfigurationen mit dem Thompson Vantage XL – den Lufthansa in ihren Airbus A380 einbauen wird – oder dem Stelia Aerospace Symphony zu nennen.
Deshalb habe ich keinen Sitzplatz vorab ausgewählt, weder den Classic Seat, der mir kostenfrei zur Verfügung stand, noch einen anderen Sitz. Ich wollte schauen, was passiert, und habe mir vorab folgende Fragen gestellt:
- Kann ich mir beim Check-in vom Lufthansa-Mitarbeiter am Schalter einen anderen Sitz als den Classic Seat zuweisen lassen?
- Wie gut kennen sich die anderen Passagiere nach über einem Jahr Allegris-Rollout mit dem Bordprodukt aus? / Wie alltagstauglich ist die Allegris-Konfiguration?
- Wenn mir ein Classic Seat zugewiesen wird und an Bord andere Sitzplätze frei bleiben, kann ich mich dann bspw. auf einen Privacy Seat umsetzen oder schickt mich die Crew wieder auf meinen zugewiesenen Platz?
- Ist meine These vom Sitz der Verlierer haltbar? (Ich sitze einfach am liebsten am Fenster, am besten mit etwas Abstand zum Gang.)
- Zusätzlich: Ist die Kabine immer noch in einem guten Zustand oder gibt es erste Mängel?
Antwort zu Frage 1
Zwischen dem Buchungs- und Abflugtag waren nahezu alle Sitze geblockt. Im hinteren Teil der Business Class-Kabine war kein einziger Sitz verfügbar. Wenige Tage vor Abflug wurden dann zahlreiche Sitze, hauptsächlich im hinteren Teil der Kabine freigeschaltet, wie der Screenshot zwei Tage vor Abflug zeigt.

Um meine erste Frage zu beantworten, habe ich auf den Online Check-in vorab verzichtet und somit den klassischen Check-in am Schalter in Frankfurt gewählt. Dort wurde mir dann (wohl standardmäßig vom System) der Sitz 12C zugewiesen – ein Classic Seat. Parallel hatte ich die Seatmap in der Lufthansa-App geöffnet und konnte sehen, dass der Sitz 11A (Privacy Seat) noch frei war. Ich fragte die Dame am Schalter, ob sie mich auf diesen Sitz setzen könne. Sie sagte dann, dass sie es versucht und es funktionierte tatsächlich. Ein neuer Boarding-Pass wurde mit Sitz 11A ausgedruckt. Nach dem Check-in rief ich die App wieder auf und in der Zahlungsübersicht wurde der Sitz 11A angezeigt und mit 0,00 Euro berechnet.

Antwort zu Frage 2
Sicherlich ist dies sehr unterschiedlich, doch bei diesem Flug war es offensichtlich: Ich behaupte, dass kaum ein anderer Passagier in meiner unmittelbaren Nähe einen Sitz vorab reserviert hatte bzw. wusste, was ihn an Bord konkret erwartet. So saß beispielsweise ein Pärchen auf Platz 8A (Suite) und 9A (Privacy). Eine dreiköpfige Familie (zwei Kinder und ein Elternteil) verteilte sich auf 8D (Suite), 9E (Extra Space) und 10D (Classic) und die beiden Passagiere vor und hinter mir (10C und 12C) verhielten sich so, als wäre dies ihr erster Flug mit Allegris. Am ehesten saß noch die dreiköpfige Familie (Mutter, Vater, Kleinkind) mit der Kombination 12D, 12G und 11F zusammen. Aber auch hier hatte es den Anschein, als hätte man sich die genaue Zuteilung der Sitze unter den Familienmitgliedern erst an Bord überlegt. Mir scheint, als hätte Lufthansa in diesem Teil der Kabine nur wenig Zusatzerlöse durch die Reservierungsgebühren erzielt.
Antwort zu Frage 3
Da ich mich aufgrund der Auslastung auf keinen Classic Sitz umsetzen konnte, blieb dieser Test aus. Deshalb fragte ich bei der Crew nach. Hier bekam ich das Feedback, dass die Crew tatsächlich angewiesen ist, die Passagiere an ihren ursprünglichen Sitz zurückzuschicken. Ganz glücklich scheint man damit nicht zu sein, ist man schließlich in der Position, dies mit dem Kunden direkt zu diskutieren.

Antwort zu Frage 4
Diese Frage kann ich nicht beantworten, da alle Sitze belegt waren und ich somit keinen Classic Seat zeitweise belegen konnte. Auch hier habe ich bei der Crew nachgefragt. Die Nähe zum Gang scheint tatsächlich ein Kritikpunkt an diesem Sitz zu sein. Allerdings ist dies natürlich Geschmacksache und ich will nicht zu hart ins Gericht gehen.
Antwort zu Frage 5
Mein Flug wurde vom Airbus A350-900 mit dem Kennzeichen D-AIXT durchgeführt. Es war damit dasselbe Flugzeug, das ich auf dem Presse-Event besichtigte und mit dem ich von Toronto nach München flog. Es ist seit April 2024 in der Flotte und eines der dienstältesten Allegris-Flugzeuge. Alles hat einwandfrei funktioniert und zum Beispiel die Sitzkühlung finde ich immer noch ein gelungenes Feature. Außerdem schlafe ich auf dem Allegris-Sitz recht gut. Der ein oder andere Kratzer ist natürlich schon zu sehen, aber schlussendlich waren alle Funktionen des Sitzes nutzbar. Im Gegensatz zu meinem ersten Flug mit Allegris konnte ich dieses Mal auch meinen Laptop aufladen.
Fazit zu meinem Erfahrungsbericht
In diesem Fall war es mir möglich, einen der kostenpflichtigen Sitze ohne Aufpreis auszuwählen. Es ist natürlich mit einem Risiko verbunden, denn die Business Class war bis auf den letzten Platz belegt. Hätte ich später eingecheckt, wäre diese Strategie womöglich nicht aufgegangen. Zudem kann es sein, dass diese Strategie beim Check-in in München nicht funktioniert, weil die Mitarbeiter dort besser mit der Allegris-Kabine vertraut sind.
Für die Crew kam an Bord dann verschärfend hinzu, dass sie Familien und Paare in keiner Weise entgegenkommen konnte, um sie evtl. gemeinsam zu platzieren. Sicherlich ist es kein Grundrecht von Passagieren und Familien zusammenzusitzen, auf der anderen Seite bedeutet es, dass man zu dritt oder zu zweit nur zusammensitzen kann, wenn man mindestens eine Reservierungsgebühr entrichtet und nicht – wie ich – pokert. Hier sehe ich mich ein Stück weit mit meiner Kritik bestätigt.
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